Il Grimorio delle Soglie — gastronomia e mistero

Archeogastronomia

Die Schwarze Bohne und der Name, den Niemand Hören Durfte

Im Herzen der römischen Nacht warf der Hausherr Essen in die Schatten — und die Schatten sammelten es auf.

Um Mitternacht, barfuß auf dem kalten Boden, ging ein Mann durch sein eigenes Haus und hielt schwarze Bohnen im Mund. Er aß sie nicht: Er bezahlte. Zwischen den Lebenden und den Toten gab es einen uralten Vertrag, und das Essen war die Währung. Wenn man aufhörte zu zahlen, kehrten die Schatten zurück, um zu fordern, was ihnen zustand.

Die Schwelle

Komm näher.

Es gibt eine Mainacht — die neunte, die elfte, die dreizehnte — in der sich das römische Haus des Lichts entleert und sich mit etwas anderem füllt. Der pater familias erhebt sich aus dem Bett. Er trägt keine Sandalen. Er geht auf dem kalten Travertin. Im Mund: neun schwarze Bohnen. Er schluckt sie nicht. Er spuckt sie aus, eine nach der anderen, in die Dunkelheit hinter sich — ohne sich umzudrehen, denn sich umdrehen bedeutet zu sehen, was da aufsammelt.

Wer sammelt?

Halte hier den Atem an. Wir kommen dahin.

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Die Legende

*Man erzählt sich*, dass sie am Anfang nicht Lemuren hießen. Sie hießen Remuren — die Schatten des Remus, des ermordeten Bruders des Romulus, des ersten Totgeschlagenen in der Geschichte Roms. *Man erzählt sich*, dass Remus keinen Frieden fand: ohne Ritus ermordet, ohne geweihte Erde, irrte sein Geist durch die Gassen der jungen Stadt, kratzte an Türen, schlich sich in Träume. So stiftete Romulus das Fest: drei Nächte offener Grenze zwischen der Welt der Lebenden und jener der Unruhigen, drei Nächte, in denen man dem, was man nicht zu laut beim Namen nennen will, Essen darbrachte.

*Man erzählt sich*, die Bohne sei deshalb gewählt worden, weil ihr Stängel hohl ist — ein leerer Korridor, durch den die Seelen von der Erde zum Himmel aufsteigen können, ohne das Tageslicht zu berühren. *Man erzählt sich*, dass man im glänzenden Schwarz einer reifen Bohne, wenn man sie zwischen den Fingern drehte, das Profil eines Gesichts erblicken konnte — das Gesicht von jemandem, der nicht mehr da ist.

*Man erzählt sich*, wer das Ritual auf halbem Weg unterbrach — wer sich umdrehte, wer die Augen zu früh öffnete — fand am nächsten Morgen Abdrücke auf dem Boden. Klein. Barfuß. Nicht seine.

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Die Wahrheit

Das Fest existierte. Es hieß **Lemuralia** (oder Lemuria), gefeiert in den Nächten des 9., 11. und 13. Mai, und die präziseste Quelle ist **Ovid**, im fünften Buch der *Fasti*, verfasst zwischen 2 v. Chr. und 17 n. Chr.

Das Ritual, das Ovid beschreibt, ist chirurgisch in seiner Seltsamkeit: Der pater familias stand um Mitternacht auf, ging barfuß — der nackte Fuß hatte apotropäischen Wert, er markierte eine Schwelle — und warf schwarze Bohnen über die Schulter, während er neunmal die Formel sprach: *«Haec ego mitto; his redimo meque meosque fabis»* — «Diese sende ich; mit diesen Bohnen löse ich mich und die Meinen aus». Dann wusch er sich die Hände, schlug Bronze auf Bronze und rief neunmal: *«Manes exite paterni»* — «Geht, ihr väterlichen Geister». Erst dann durfte er zurückblicken: Das Haus war leer von ihnen.

Die Lemures waren nicht die wohlwollenden *Di Manes*, die bei den Parentalia im Februar verehrt wurden. Sie waren etwas Raueres: Geister der Unfriedsamen — Toter gewaltsamer Tode, Toter ohne Begräbnis, Toter denen der Ritus verweigert worden war. Die Unterscheidung ist im römischen Wortschatz belegt und im Kontext des Festes von der Forscherin Valerie Warrior in ihrer Studie zur römischen Religion analysiert worden.

**Warum ausgerechnet Bohnen?** Die Antwort hat präzise botanische und kulturelle Wurzeln. Die *Vicia faba* — die gemeine Bohne — war in der gesamten antiken Mittelmeerwelt mit der Sphäre des Todes verbunden. Plinius der Ältere berichtet, dass die Pythagoreer die Bohnen als Behälter von Seelen betrachteten, weil ihr inneres Fleisch «dem menschlichen Fleisch ähnlich» sei. Der hohle Stängel wurde als Kommunikationsweg mit dem Untergrund wahrgenommen. Dem Grammatiker Festus zufolge verbarg sich in der schwarzen Bohne «ein unheilvolles Zeichen» — *figura gehennalis* — und ihre Blütezeit war von einem Geruch begleitet, der an Verwesung erinnerte. Moderne ethnobotanische Untersuchungen haben bestätigt, dass der Pollen von *Vicia faba* Vicin und Convicin enthält, Substanzen, die bei Menschen mit G6PD-Mangel (Favismus) schwere hämolytische Krisen auslösen: eine Hülsenfrucht, die buchstäblich vergiftet, wer sie nicht verträgt. Eine für die Modernen bereits geheimnisvolle Speise, erschreckend für all jene, die die Ursache nicht verstanden.

**Die stillste Trophäe dieser Geschichte ist materiell:** die *Libationsrohre*. In römischen Nekropolen — dokumentiert in Isola Sacra (Ostia) und in Stätten im südfranzösischen Midi, die jüngst von Archäologen des INRAP untersucht wurden — waren die Gräber mit Amphoren ausgestattet, die senkrecht in den Boden eingelassen wurden, den Hals nach oben ragend. Durch diese Rohre goss man Wein, Öl und Honig direkt in die Ascheurne oder auf den darunter liegenden Sarkophag. Man glaubte, die Toten würden die Nahrung durch Asche und Knochen aufsaugen. Das *refrigerium* — vom Lateinischen «Erquickung, Kühle» — war das Gedächtnismahl, das unmittelbar auf dem Grab eingenommen wurde, und seine Kontinuität ist außergewöhnlich: Die ersten Christen praktizierten es in den römischen Katakomben, ehrten Märtyrer und Angehörige mit derselben heidnischen Geste, bis der Klerus seinen Gebrauch wegen der damit einhergehenden Ausschweifungen einschränkte.

Die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten war in Rom keine Mauer. Sie war ein gedeckter Tisch. Und am Rand dieses Tisches warf jemand in der Mainacht Bohnen in die Dunkelheit — ohne sich umzudrehen — und hoffte, dass es genügen würde.

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